Unter Bäumen die letzte Ruhe finden

Seine Asche bei einem Baum begraben lassen, in diesen aufgenommen werden und gen Himmel wachsen: Vielleicht ist es diese Vorstellung, welche die Waldbestattungen in Altstetten anziehend macht.

Corsin Zander (NZZ 24.07.2014)

Auf den ersten Blick ist der Altstetter Wald ein Wald wie jeder andere. Doch hier wurde seit Oktober 2004 die Asche Dutzender Menschen begraben. Die Bäume haben deren Nährstoffe in sich aufgenommen und wachsen gegen den Himmel. «Es ist wie ein natürlicher Kreislauf», sagt Ueli Sauter. Der Thurgauer hatte 1993 die Idee des «Friedwaldes», in dem man einen Baum auswählt, zu dessen Wurzeln dann einmal die eigene Asche vergraben wird. Wenn der Baum deren Nährstoffe aufnimmt, lebt man gewissermassen im Baum weiter. «Natürlich nur symbolisch», schiebt Sauter nach.Mit Esoterik will der 73-Jährige nichts zu tun haben. Schon als Kind lernte er den nüchternen Umgang mit dem Tod.Weil sein Vater Grabsteine verkaufte, die sein 20 Jahre älterer Bruder produzierte, war er früher oft auf Friedhöfen. Bestattungen im Wald sind in der Regel schlicht. Es ist nicht erlaubt, Kerzen, Bilder oder Blumen auf die Wurzeln der Bäume zu legen - geschweige denn, Grabsteine aufzustellen. Dass er mit diesen Begräbnissen Bildhauern wie seinem Bruder die Arbeit abnimmt, stört Sauter nicht: «Jeder soll begraben werden können, wie er möchte.»

Unberührte Gräber

In der Schweiz ist es verboten, Menschen oder deren Asche in der freien Natur zu begraben oder zu verstreuen. Sauter musste denn auch einige bürokratische Hürden nehmen, bis er den ersten «Friedwald» in seinem eigenen Stück Wald im Thurgau einrichten konnte. Heute gibt es schweizweit 70 solcher Wälder - 10 davon im Kanton Zürich -, in denen jährlich rund 200 Personen ihre letzte Ruhe finden. Es seien die unterschiedlichsten Menschen, die für sich alleine, ihre ganze Familie oder ihren Verein einen Baum für 4900 Franken erwerben. Sauter zeigt in den Wald hinein und sagt: «Da hinten liegt beispielsweise ein berühmter Schweizer Schauspieler begraben.» Um wen es sich handelt, darüber schweigt er sich aus. Die Grabstätten sind anonymisiert und bloss mit zwei Buchstaben gekennzeichnet. Der Wald solle so natürlich wie möglich erhalten bleiben, sagt Sauter.

Wie ein Friedhof strahlt auch der idyllische Altstetter Wald Ruhe aus. In der Ferne ist leise der Lärm der Stadt zu vernehmen. Mitten im Wald singen die Vögel, es raschelt im Dickicht, hie und da huscht ein Eichhörnchen durch das Gehölz. Doch im Gegensatz zu einem Friedhof ist der Wald nicht fein säuberlich herausgeputzt. Äste liegen wild herum, und zwischen den Bäumen der Toten gibt es Feuerstellen. Eine Frau reitet mit ihrem Pferd vorbei, und Hunde der Spaziergänger verrichten ihr Geschäft an den Baumstämmen. Die Bäume bleiben in der Regel lange erhalten. Ein Förster wählt diejenigen Eichen, Lärchen, Birken oder Kirschbäume aus, die stark genug sind und von denen er annimmt, dass sie lange leben werden. Wird ein Baum beispielsweise durch einen Blitz beschädigt, darf man sich ein neues Exemplar aussuchen, oder es wird ein neuer Baum gepflanzt, wenn an gleicher Stätte bereits Angehörige begraben sind. Die Bäume bleiben in Altstetten bis 2082 geschützt. Was danach passiert, weiss Sauter nicht. «Bis dann bin ich längst nicht mehr hier», sagt er und lacht. Er ist überzeugt, dass ihn seine Idee überleben und sich weiter ausbreiten wird. Nicht ohne Stolz sagt er, dass «Friedwälder» in Deutschland auf grosses Interesse stiessen. Weil es in Deutschland Pflicht ist, auf einem Friedhof begraben zu werden, sind solche Waldfriedhöfe eine willkommene Alternative zum Gottesacker. Seine deutschen Kollegen rechnen damit, dass in 10 Jahren bereits jede dritte Beerdigung im Wald stattfinden wird, so Sauter. In der Schweiz ist die Nachfrage noch nicht ganz so gross, doch er sei immer auf der Suche nach neuen Wäldern.

Den eigenen Sohn beerdigt

Die Überlegungen der Menschen, die sich einen Baum im «Friedwald» kaufen, seien unterschiedlich. Die eine Hälfte tue es bewusst schon, bevor jemand in ihrer Familie gestorben sei, die andere Hälfte nach dem Tod eines Angehörigen. Für viele sei es ein Problem, dass ein Grab auf dem herkömmlichen Friedhof nach 25 Jahren aufgehoben werde - gerade dann, wenn Eltern ein Kind verloren haben. Auch Sauter wurde von einem solchen Schicksalsschlag getroffen - seinen Sohn hat er unter einem Baum seines eigenen «Friedwaldes» beerdigt, wo auch seine Asche dereinst liegen soll. Diesen Baum hat er sich schon längst ausgesucht. Auf die Frage hin, ob er nicht im Altstetter Wald begraben werden möchte, antwortet er bloss lachend: «Ein Thurgauer geht dafür doch nicht nach Zürich!»